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Artikel aus den Stuttgarter-Nachrichten vom 26.09.2009

Stadt setzt auf Kita-Initiativen

Ausbau der Tagesbetreuung für mehr als 70 Millionen Euro

 

70,5 Millionen Euro muss die Stadt in weitere Kinderbetreuungsplätze investieren, um gesetzliche Vorgaben zu erfüllen und die Wohnsituation für Familien attraktiv zu gestalten. Bei neuen Kindertagesstätten sollen auch zehn private Initiativen berücksichtigt werden.
Von Juliane Baumgarten und Barbara Czimmer-Gauss

 

Bei den bevorstehenden Haushaltsplanberatungen wird sich der Gemeinderat nicht allein mit maroden Schulen, Bau- und Straßenprojekten befassen müssen. Auch die Betreuungssituation für Kinder steht erneut zur Debatte.
Unbefriedigend ist immer noch das Platzangebot für Kleinkinder bis zum Alter von drei Jahren. Nur 26 Prozent der Kinder in dem Alter kommen in einer Einrichtung unter. Selbst wenn alle Beschlüsse aus dem vergangenen Jahr umgesetzt sind, steigert sich der Versorgungsgrad auf nur 31 Prozent. Deshalb schlägt die Sozialverwaltung vor, 1344 weitere Plätze zu schaffen, und könnte damit 39,9 Prozent der Kinder eine Betreuung anbieten. Auch die Versorgung mit Ganztagsplätzen für Drei- bis Sechsjährige soll von 38 Prozent auf 52,1 Prozent, die der Hortkinder von 17,4 auf 18,2 Prozent gesteigert werden.


Im Westen ist die Lücke besonders groß

In einer umfassenden Mitteilungsvorlage sind Vorschläge unterbreitet, wie durch die Umstellung von bestehenden Angeboten, durch bauliche Erweiterungen und Neubauten das Defizit kleiner werden könnte. Berücksichtigen will die Stadt auch zehn private Initiativen, die bisher noch kein Betreuungsangebot in der Stadt gemacht haben. Eine davon ist der Verein Stadtpiraten, der im Stuttgarter Westen eine Ganztagseinrichtung für 20 Kinder im Alter bis zu drei Jahren und für 20 Kinder zwischen drei und sechs Jahren eröffnen möchte. Dort fände Johann Platz, der einjährige Sohn der Wirtschaftsinformatikerin und Vereinsgründerin Edith Schewe. „Es ist leichter, im Lotto zu gewinnen, als einen Kita-Platz zu finden“, schildert sie die aussichtslose Lage.
Nach Angaben des Jugendamts fehlen allein im Westen 512 Plätze. „Obwohl der Versorgungsgrad mit Kleinkindplätzen im Westen mit 39 Prozent relativ hoch ist, ist auch die Nachfrage enorm“, erklärt Pressesprecherin Daniela Hörner. In ganz Stuttgart stehen zurzeit 2500 Kleinkinder auf der Warteliste. Die Stadt strebe bis zum Jahr 2013 einen Versorgungsgrad von 50 Prozent an.
Dabei helfen auch freie Träger wie die Stadtpiraten. Seit Februar ist die Elterninitiative mit den Vorbereitungen befasst, in der Augustenstraße fanden sie geeignete Räume. Inzwischen haben die Stadtpiraten ihre Ideen dem Bezirksbeirat im Westen präsentiert.


Erlöse durch Gebühren und Bundesmittel sind zu erwarten

Die Sozialverwaltung befürwortet das Projekt der Initiative sowie neun weitere Vorhaben mit der Begründung, dass alle zehn Träger „ein schlüssiges Konzept, die notwendige Organisations- und Rechtsform sowie einen Standort für die Einrichtung“ haben. Stimmt der Gemeinderat dem im Rahmen der Haushaltsplanberatungen zu, erhalten die Stadtpiraten einmalig 225 000 Euro Investitionskostenzuschuss sowie jährlich einen Betriebskostenzuschuss in Höhe von 120 000 Euro.
Der Gemeinderat muss aber über einen weitaus gewaltigeren Brocken abstimmen. Wenn alle Vorschläge der Sozialverwaltung umgesetzt werden, verlangt dies in den nächsten beiden Jahren Investitionen in Höhe von 70,5 Millionen Euro. Hinzu kommen Betriebskosten und Zuschüsse von insgesamt 35 Millionen Euro. 1,4 Millionen Euro könnte die Stadt durch Gebühren erlösen, Bundesmittel in Höhe von 3,5 Millionen sind zu erwarten.
Der Jugendhilfeausschuss hat die Vorschläge zum Um- und Ausbau der Tagesbetreuung zur Kenntnis genommen. Nun setzt Edith Schewe angriffslustig auf den Kämmerer: „Die Stadt hat sich Kinderfreundlichkeit auf die Fahnen geschrieben. Jetzt sollte sie sich auch daran halten.“ Wenn der Gemeinderat die Stadtpiraten befürwortet, kann die Kita im Februar eröffnen.